Spiegel der Gesellschaft

Wilhelm Heitmeyers Buch „Deutsche Zustände“ zeigt unsere Vorurteile

19.12.2007 Harald Rossa

„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" und deren Ursachen sind Gegenstand der Forschung. Zum 6. Mal werden die Ergebnisse 2007 vorgestellt.

Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, Leiter des „Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung“ an der Universität Bielefeld, ist Herausgeber der Reihe „Deutsche Zustände“. Er leitet das Projekt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, das im Jahr 2002 gestartet wurde und auf 10 Jahre angelegt ist. Alljährlich werden die Ergebnisse unter dem Titel „Deutsche Zustände“ publiziert. Im Dezember 2007 erschien die 6. Folge dieser Reihe. Erstmalig wurde das Phänomen der Ausgrenzung der Langzeitarbeitslosen aus der Gesellschaft untersucht.

Das Anliegen der Studie

Erscheinungsweisen, Ursachen und Veränderungen „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ will das so bezeichnete Forschungsprojekt aufdecken. Unter diesem Sammelbegriff verbargen sich bisher die Dimensionen Rassismus, Antisemitismus, Abwertung von Obdachlosen, Homosexuellen, Behinderten, weiter Islamophobie, Etabliertenvorrechte und Sexismus. Diese Liste musste 2007 um die Dimension der Abwertung von Langzeitarbeitslosen erweitert werden.

In der 6. Folge aus dem Jahr 2007 wird untersucht, „welche Folgen politische Machtlosigkeit für die Ethnisierung von Verteilungskonflikten hat und welche Konsequenzen sich aus fehlender Anerkennung ergeben“.

Im Buch werden die empirischen Analysen ausführlich dargestellt. Diese Abschnitte sind für fachlich nicht geschulte Leser wohl häufig starker Tobak. Der wissenschaftlichen Sauberkeit würde das Buch auch nachkommen, wenn diese empirischen Arbeiten in einem Anhang dokumentiert würden und im Text die Ergebnisse anschaulich erläutert würden. Wesentlich eingängiger sind die Teile des Buches, wo mit journalistischen Fallstudien das Problem des Einsickerns extremer Auffassungen in die Gesellschaft deutlich gemacht wird. Ein ganzes Kapitel ist dem neuen Thema „Verhöhnung von Hartz-IV-Empfängern“ gewidmet. Schließlich wird die „Rolle des Rechts zur Durchsetzung von Gleichwertigkeit und Unversehrtheit“ erörtert.

Die Ergebnisse der Studie

An dieser Stelle kann nur ein Schlaglicht auf die teilweise erschreckenden Resultate geworfen werden. Für Heitmeyer und seine Kollegen stehen die ökonomischen, individuellen und sozialen Perspektiven in einem Wirkungszusammenhang. Sie konstatieren, dass aus einer Gesellschaft mit Marktwirtschaft eine Marktgesellschaft geworden ist. Mit Marktgesellschaft meinen sie, dass die individuellen und sozialen Beziehungen zunehmend unter ökonomischem Kalkül betrachtet werden. Diesen Prozess bezeichnen sie als „Ökonomisierung der Gesellschaft“.

Hier einige aktuelle Ergebnisse aus den Befragungen 2007. Wiedergegeben werden die zusammengefassten Prozentpunkte der Antworten von Befragten, die als Hinweise auf eine menschenfeindliche Einstellung gedeutet werden können.

Rassismus

  • Aussiedler sollen besser gestellt werden als Ausländer, da sie deutscher Abstammung sind: 18,5% stimmen zu
  • Die Weißen sind zu Recht führend auf der Welt: 12,6% stimmen zu

Fremdenfeindlichkeit

  • Es leben zu viele Ausländer in Deutschland: 54,7% stimmen zu
  • Wenn Arbeitsplätze knapp werd, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken: 29,7% stimmen zu

Antisemitismus

  • Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss: 15,6% stimmen zu
  • Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihren Verfolgungen mitschuldig: 17,3% stimmen zu

Homophobie

  • Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen: 31,3% stimmen zu
  • Homosexualität ist unmoralisch: 17,3% stimmen zu
  • Ehen zwischen zwei Frauen bzw. Männern sollten erlaubt sein: 35,4% lehnen dies ab

Abwertung von Obdachlosen

  • Die Obdachlosen in den Städten sind unangenehm: 38,8% stimmen zu
  • Die meisten Obdachlosen sind arbeitsscheu: 32,9% stimmen zu
  • Bettelnde Obdachlose sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden: 34 % stimmen zu

Abwertung von Behinderten

  • Für Behinderte wird in Deutschland zu viel Aufwand betrieben: 7,7% stimmen zu
  • Behinderte erhalten zu viele Vergünstigungen: 8% stimmen zu

Islamophobie

  • Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden: 29% stimmen zu
  • Durch die vielen Muslime fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land: 39% stimmen zu

Etabliertenvorrechte

  • Wer irgendwo neu ist, sollte sich erstmal mit weniger zufriedengeben: 52,8% stimmen zu
  • Wer schon immer hier lebt, sollte mehr Rechte haben als die, die später zugezogen sind: 35,1% stimmen zu

Sexismus

  • Frauen sollten sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen: 28,5% stimmen zu
  • Für eine Frau sollte es wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen als selbst Karriere zu machen: 18% stimmen zu

Abwertung von Langzeitarbeitslosen

  • Die meisten Langzeitarbeitslosen sind nicht wirklich daran interessiert, einen Job zu finden: 49,3% stimmen zu
  • Ich finde es empörend, wenn sich die Langzeitarbeitslosen auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen: 60,8% stimmen zu

Das sind die Schlaglichter, die in dem Buch „Deutsche Zustände“ weiter nach Ursachen und Wirkungen aufgebröselt werden. Der deutschen Politik und der deutschen Gesellschaft wird hier eines ihrer Spiegelbilder präsentiert, das wenig vorteilhaft ist. Es wird aufgezeigt, wie der Prozess der Ausgrenzung ausgelöst und verstärkt wird. Und welch gefährliches Potential hinter einem solchen Prozess steckt.

Das Ergebnis: Ein unbedingt beachtenswertes Werk. Die Ausführungen der Statistiker können überschlagen werden. Dann liest sich das Werk wesentlich leichter. Und einige Kapitel haben, wenn man von den eigentlich traurigen Befunden absieht, sogar eine unterhaltsame Seite. Beispielsweise der Beitrag von Bruno Schrep „Die neue Verhöhnung: Bierdosen sind Hartz-IV-Stelzen“ wirkt streckenweise wie das Textbuch eines Kabarettisten.

Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände – Folge 6. edition suhrkamp 2007, 310 Seiten. ISBN 978-3-518-12255-0. Euro 12,00.

Die Gefahr der Arbeitslosigkeit wird auch von Günter Ogger in "Die Abgestellten" beschrieben.

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