Spiegel der GesellschaftWilhelm Heitmeyers Buch „Deutsche Zustände“ zeigt unsere Vorurteile
„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" und deren Ursachen sind Gegenstand der Forschung. Zum 6. Mal werden die Ergebnisse 2007 vorgestellt.
Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, Leiter des „Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung“ an der Universität Bielefeld, ist Herausgeber der Reihe „Deutsche Zustände“. Er leitet das Projekt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, das im Jahr 2002 gestartet wurde und auf 10 Jahre angelegt ist. Alljährlich werden die Ergebnisse unter dem Titel „Deutsche Zustände“ publiziert. Im Dezember 2007 erschien die 6. Folge dieser Reihe. Erstmalig wurde das Phänomen der Ausgrenzung der Langzeitarbeitslosen aus der Gesellschaft untersucht. Das Anliegen der StudieErscheinungsweisen, Ursachen und Veränderungen „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ will das so bezeichnete Forschungsprojekt aufdecken. Unter diesem Sammelbegriff verbargen sich bisher die Dimensionen Rassismus, Antisemitismus, Abwertung von Obdachlosen, Homosexuellen, Behinderten, weiter Islamophobie, Etabliertenvorrechte und Sexismus. Diese Liste musste 2007 um die Dimension der Abwertung von Langzeitarbeitslosen erweitert werden. In der 6. Folge aus dem Jahr 2007 wird untersucht, „welche Folgen politische Machtlosigkeit für die Ethnisierung von Verteilungskonflikten hat und welche Konsequenzen sich aus fehlender Anerkennung ergeben“. Im Buch werden die empirischen Analysen ausführlich dargestellt. Diese Abschnitte sind für fachlich nicht geschulte Leser wohl häufig starker Tobak. Der wissenschaftlichen Sauberkeit würde das Buch auch nachkommen, wenn diese empirischen Arbeiten in einem Anhang dokumentiert würden und im Text die Ergebnisse anschaulich erläutert würden. Wesentlich eingängiger sind die Teile des Buches, wo mit journalistischen Fallstudien das Problem des Einsickerns extremer Auffassungen in die Gesellschaft deutlich gemacht wird. Ein ganzes Kapitel ist dem neuen Thema „Verhöhnung von Hartz-IV-Empfängern“ gewidmet. Schließlich wird die „Rolle des Rechts zur Durchsetzung von Gleichwertigkeit und Unversehrtheit“ erörtert. Die Ergebnisse der StudieAn dieser Stelle kann nur ein Schlaglicht auf die teilweise erschreckenden Resultate geworfen werden. Für Heitmeyer und seine Kollegen stehen die ökonomischen, individuellen und sozialen Perspektiven in einem Wirkungszusammenhang. Sie konstatieren, dass aus einer Gesellschaft mit Marktwirtschaft eine Marktgesellschaft geworden ist. Mit Marktgesellschaft meinen sie, dass die individuellen und sozialen Beziehungen zunehmend unter ökonomischem Kalkül betrachtet werden. Diesen Prozess bezeichnen sie als „Ökonomisierung der Gesellschaft“. Hier einige aktuelle Ergebnisse aus den Befragungen 2007. Wiedergegeben werden die zusammengefassten Prozentpunkte der Antworten von Befragten, die als Hinweise auf eine menschenfeindliche Einstellung gedeutet werden können. Rassismus
Fremdenfeindlichkeit
Antisemitismus
Homophobie
Abwertung von Obdachlosen
Abwertung von Behinderten
Islamophobie
Etabliertenvorrechte
Sexismus
Abwertung von Langzeitarbeitslosen
Das sind die Schlaglichter, die in dem Buch „Deutsche Zustände“ weiter nach Ursachen und Wirkungen aufgebröselt werden. Der deutschen Politik und der deutschen Gesellschaft wird hier eines ihrer Spiegelbilder präsentiert, das wenig vorteilhaft ist. Es wird aufgezeigt, wie der Prozess der Ausgrenzung ausgelöst und verstärkt wird. Und welch gefährliches Potential hinter einem solchen Prozess steckt. Das Ergebnis: Ein unbedingt beachtenswertes Werk. Die Ausführungen der Statistiker können überschlagen werden. Dann liest sich das Werk wesentlich leichter. Und einige Kapitel haben, wenn man von den eigentlich traurigen Befunden absieht, sogar eine unterhaltsame Seite. Beispielsweise der Beitrag von Bruno Schrep „Die neue Verhöhnung: Bierdosen sind Hartz-IV-Stelzen“ wirkt streckenweise wie das Textbuch eines Kabarettisten. Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände – Folge 6. edition suhrkamp 2007, 310 Seiten. ISBN 978-3-518-12255-0. Euro 12,00. Die Gefahr der Arbeitslosigkeit wird auch von Günter Ogger in "Die Abgestellten" beschrieben.
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